____________________Über das Schreiben____

Jedem, der seine Gedanken niederlegt, blickt schon im Augenblick des Schreibens ein Größerer über die Schulter, sei es ein Vergangener, Lebendiger oder noch Ungeborener. Wohl dem, der diesen Blick fühlt: Er wird sich nie wichtiger nehmen, als ein geistiger Mensch sich nehmen darf.
Christian Morgenstern (1871-1914), Stufen, Literatur, 1905

Schreiben ist ein kreativer Akt, der aus einem selbst entspringt. Vielleicht ist man als Schreiber aber auch gar nicht so sehr selbst darin verhaftet, sondern wirkt vielmehr als Sprachrohr einer höheren Weisheit, die jenseits von Egozentrik und Selbstgefälligkeit ihre Wurzeln hat. Wie dem auch sei, das Schreiben kann einem in hohem Maß dazu verhelfen, sein Leben zu bewältigen, neue Erkenntnisse zu gewinnen und die Dinge des Lebens ganz einfach bewusster wahrzunehmen. Es ist sowohl Therapie als auch ein entspannendes Hobby, das dem Leben einen ganz eigenen Sinn zu geben vermag.
Vielfach gewinnt man den Eindruck, dass das Schreiben nur einem elitären Kreis zugänglich ist, was m.E. jedoch blanker Unsinn ist. In jedem Menschen steckt auch ein Schriftsteller. Sicherlich muss man sich einiges an Handwerkskenntnissen aneignen, aber dies sollte niemanden vom Schreiben abhalten. Das Wichtigste ist, dass man aus einem eigenem Anliegen heraus schreibt. Man möchte dem Leser etwas Wertvolles mitteilen und ihn an seinen Gefühlen, Erfahrungen und Erkenntnissen teilhaben lassen.

Neun Zehntel unserer ganzen jetzigen Literatur haben keinen anderen Zweck, als dem Publikum einige Taler aus der Tasche zu spielen. Dazu haben sich Autor, Verleger und Rezensenten fest verschworen.
Arthur Schopenhauer (1788-1860), Parerga und Paralipomena II, 24, § 295

Ein wahrhaft authentischer Schriftsteller richtet sich mit dem, was er schreibt niemals nach dem, was gerade in Mode ist. Natürlich will jeder Autor gelesen und somit von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, doch sollte dieser Drang niemals im Vordergrund bei der Auswahl seiner Inhalte stehen, da sonst das Schreiben für ihn selbst an tieferen Sinn verliert und sich nur noch an der Oberfläche bewegt. Ein Buch ist zwar auch eine Ware, die verkauft werden will, aber in erster Linie ist es ein inneres Vermächtnis des Verfassers an sich selbst und an die Welt.

Womit kennzeichnet sich jede literarische Dekadenz? Damit, dass das Leben nicht mehr im Ganzen wohnt. Das Wort wird souverän und springt aus dem Satz hinaus, der Satz greift über und verdunkelt den Sinn der Seite, die Seite gewinnt Leben auf Unkosten des Ganzen. Das Ganze ist kein Ganzes mehr.
Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Das Schreiben darf niemals zum intellektuellen Prestigeobjekt degradiert werden. Jemand, der ernsthaft schreibt, sucht nicht nach Formulierungen, um die Leser auf überhebliche Art und Weise zu beeindrucken, sondern nimmt, ganz im Gegenteil, seine eigene Egozentrik zurück. Er schreibt sozusagen das Buch nicht, weil er sich so ungeheuer talentiert und berufen vorkommt, sondern ein wahrhaft gutes Buch entsteht vielmehr trotz der Selbstsucht des Autors. Sich selbst beim Schreiben zurücknehmen zu können, ist die höchste Kunst, die es beim Schreiben gibt.